Begegnung in Amsterdam
Michael Cornelius Zepter — Seite 2 (Spuren und Zeichen, Forts.)

Manche dieser ausgesparten Menschen bleiben hinter mir stehen, mit neugierigem Blick. Mir ist das unangenehm. Aber ich gebe auf Fragen höflich Antwort. Was soll ich schon sagen zu meinem Tun; verstehe ich doch selber kaum, warum ich das mache und was ich damit will. Vor kurzem hat mir HAP Grieshaber, der jung gebliebene Alte, noch ins Gesicht gesagt, ich sei völlig vergreist – weil ich nicht gegen die Akademie rebelliere. Das macht mich trotzig, betroffen. Es stimmt und dann doch wieder nicht.

Parzival bin ich, ein Held im Narrenkleid auf der Suche nach Aventüre. Höflich sein und nicht Zuviel fragen. Die Feder senken im Angriff auf das weiße Papier. Versuche, ganz Auge zu werden... aber die Gedanken überfallen mich hinterrücks und machen mich fast verrückt. Alles ist aus dem Lot und nichts geht zusammen. Vielleicht deshalb das Zeichnen von Stadt-veduten, von fest gefügter Architektur. Die dabei entstehenden Spuren sind Versuche, mich, meinen Körper zu erfahren und die Gebäude, die ich da vor Augen habe, in zeichnerische Gesten umzusetzen; Erste suchendeSchritte sind das. Noch lange werde ich brauchen; bis ich begreife, dass nichts erzwungen werden kann.

Damals standen mir Absichten und Träume noch quer. Erst neue Erfahrungen und Begeg-nungen brachten mich Schritt für Schritt auf den Weg. Zwei Jahre später werde ich eine Federzeichnung machen, die ich „Charlie-Parker-Haus in Amsterdam“ nenne. Die Entdeckung der freien Jazz-Improvisation aus dem Augenblick heraus und der überschnellen, fast gehetzten Melodien dieses großen schwarzen Musikers änderte auch meinen Strich. So wollte ich zeichnen: heftig und schnell, aber doch ganz kontrolliert, komprimiert, dicht.

Zuerst war ich nur fasziniert, ohne zu begreifen, dass der Schrei der unterdrückten Schwarzen nicht mein eigener war. Schließlich lernte ich: Es ist absolut notwendig, sich für Fremdes zu öffnen, doch es wird sich dabei verändern, so wie ich mich in diesem Prozess verändere. Jede Solidarität beginnt bei der Freiheit des Anderen. Immer bleibt ein nicht zu erschließender Rest. Das muss akzeptiert und respektiert werden.

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Am 21. Juli 1942 notierte Max Beckmann in sein Tagebuch: Nachts - über Mitternacht J. Transporte! Seine Frau Quappi hat bei der Herausgabe der Tagebücher in Klammern gesetzt, was das „J“ bedeutete: Judentransporte! Das war genau die Zeit, als die Familie der Anne Frank sich zu verstecken begann – ein Aufschub bis 1944. Max Beckmann wohnte damals in Amsterdam am Rokin 85, geflohen aus dem nationalsozialistischen Deutschland, das seine Bilder verbot und mit dem Bannfluch der Entartung belegte. Die Kriegswalze hatte ihn längst überrollt und aus der äußeren war eine innere Emigration geworden, keine abgesicherte allerdings, sondern eine ständig gefährdete.


* Max Beckmann. Tagebücher 1940-1950. Zusammengestellt von Mathilde Quappi Beckmann; Hg. Erhardt Göpel.
Verlag Albert Langen - Georg Müller, München 1955


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